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Der Duft der Kindheit

Es ist Zeit, die hochkonzentrierte Schwefelsäure wegzustellen. Es geht auf Mitternacht zu, und bald werden unsere Eltern mich für den Aufbruch wecken. Nicht dass das noch nötig wäre – ich habe ohnehin nicht schlafen können, weil ich wegen der bevorstehenden Reise so aufgeregt bin. Deswegen bin ich ja auch auf die hervorragende Idee mit der Schwefelsäure gekommen.

Wie jedes Kind mit Chemie-Interesse und einer Mutter, die als Apothekerin Zugang zu Dingen hat, die ein Kosmos-Chemiekasten niemals enthält, verfüge ich über eine Flasche davon. Gleich neben der hochkonzentrierten Salzsäure. Und mein Zimmer hat diesen Balkon, der bestens für Experimente1 geeignet ist. Es bietet sich geradezu an, wenn man wegen Reisefiebers wach bleiben muss und wenn die Sommernacht so herrlich warm ist, mal der Frage nachzugehen, wie Balkonblumen wohl auf ein paar Tropfen Schwefelsäure reagieren. Erstmal sieht man nichts. Kein Zischen, keine Bläschen. Langweilig. Es bleibt die Neugier, wie das Ganze nach dem Urlaub wohl aussehen mag. (Ich spoiler mal: Balkonpflanzen mögen keine hochkonzentrierte Schwefelsäure. Und wenn man nicht gerade auf Mordor im Blumenkasten steht, sollte man auf das Experiment verzichten.)

Wenig später sitzen wir im Auto. Pünktlich um 00:30 sind die Freunde unserer Eltern mit ihren beiden Kindern, die etwa im gleichen Alter sind wie meine Schwester und ich, vorgefahren. Wir brechen so früh auf, weil der Verkehr zu Beginn der Sommerferien immer die Hölle ist und wir die Staus an den innerdeutschen Grenzen vermeiden wollen. Und weil wir es am Ende des Tages bis Südtirol geschafft haben wollen. Unser Auto – ein gelber Passat mit dem Kennzeichen B-WK 270 – riecht im Innenraum unerquicklich, auf eine schwer zu benennende Weise. Ich weiß nicht, was es ist, ob die Sitze oder die Verkleidung – aber andere Autos riechen besser. Ich bin neidisch auf den Geruch im Auto unserer Freunde. Der ist irgendwie normal. Egal, mit der Zeit gewöhnt sich meine Nase an unser Auto, und es spielt dann keine Rolle mehr. Außer wenn einem mal schlecht wird. Dann riecht man alles gnadenlos.

Unser Auto ist nach allen Regeln der Kunst gepackt. In den letzten Tagen haben die Eltern das Gepäck im Wohnzimmer vorbereitet, dessen Boden praktisch komplett mit Zeug bedeckt war. Was vier Personen für einen Abenteuerurlaub in Zelten eben so brauchen, und das ist eine Menge. Vieles davon steckt jetzt auf der sogenannten „Kofferbrücke“, so nennen wir das Gestell auf dem Autodach. Der Kofferraum ist randvoll. Die Rückbank ist keine Bank mehr, weil der Fußraum komplett mit Weichteilen zugestopft ist. Und so genießen meine Schwester und ich den Luxus einer bequemen Spiel- und Liegefläche. Es gibt noch keine Gesetze, welche Gurte und Anschnallpflicht für die Rückbank festschreiben. Die meisten, die wie wir diese lebensgefährliche Freiheit genießen, werden später davon schwärmen, dass „das noch Zeiten waren“. Wunderbare Zeiten, in denen meine Schwester und ich bei einem Auffahrunfall leicht das Letzte hätten sein können, was unseren Eltern durch den Kopf gegangen wäre.

Trotz der frühen Stunde trifft uns der erste Stau schon in Dreilinden. Überraschung. Wir sind nicht die Einzigen mit der schlauen Idee, mitten in der Nacht zu fahren. Irgendwann erreichen wir die mit eiskaltem Flutlicht beschienene Fläche mit den Grenzkontrollen – ein Traum aus Beton, der seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt. Der erste DDR-Grenzer nimmt alle Pässe entgegen und füttert ein geheimnisvolles Förderband damit, das irgendwie die Fläche durchzieht. Durch das offene Autofenster riecht man den Osten: Karbolsäure, das Standard-Reinigungsmittel der DDR. Diesen Duft vergisst Du nicht. Und nun sind wir die nächsten Minuten ohne Papiere völlig ausgeliefert, während wir Fahrzeug um Fahrzeug auf die eigentliche Kontrolle zurollen. In der Zwischenzeit prüft irgendwer irgendwo unsere Dokumente auf irgendwas. Und wir machen uns bereit, das Höchstmaß an Unscheinbarkeit und Unverdächtigkeit zu demonstrieren, welches für eine reibungslose Kontrolle von jedermann empfohlen wird. Nur nicht zu viel sagen. Nur nicht witzig sein. Einfach nur die immer gleichen Fragen so knapp wie möglich beantworten:

„Wohin geht die Fahrt?“ – „Transit Bundesrepublik, Grenzübergang Hirschberg.“

„Wie viele Personen?“ – „Zwei Erwachsene, zwei Kinder.“

An dieser Stelle kommt der prüfende Blick ins Auto, wo wir Kinder wach und freundlich zurückschauen.

„Haben Sie etwas anzumelden?“ – „Nein.“

Die Pässe werden gnädig zurückgegeben, der mit westlichen Devisen teuer erkaufte Transit durch die sozialistische Einöde ist großzügig gestattet. Als Kinder können wir der Öde einfach durch Schlaf entfliehen. Diesen Luxus haben unsere Eltern nicht. Sie bekommen die komplette „mit 100km/h über regelmäßige Bodenschwellen, die Abgase der Trabbis in der Nase“ Behandlung. Immerhin bleibt ihnen in der Nacht der trostlose Anblick der ostdeutschen Pampa erspart. Die DDR schafft es in keiner Hinsicht, ihr Land für Durchreisende reizvoll erscheinen zu lassen. Sie versucht es noch nicht mal. Mir egal, ich verschlafe die ganzen Nicht-Attraktionen. Meine Schwester und ich werden erst wieder zur Neuauflage der Grenzkontrollen-Machtdemonstration-Show in Hirschberg geweckt.

Und dann endlich: Bundesrepublik. Oder wie wir Berliner sagen: Wessiland.

Farbe. Gras. Wälder. Berge. Luft. Sonne. Und irgendwann Hitze. Und irgendwann Stau. Richtiger Stau. Mit Stehenbleiben und Aussteigen. Unsere einzige Informationsquelle: der Evergreen der Urlaubsautobahnen. „Ta tüü ta tüü ta tüüüü daaa. Hier ist Bayern 3, die Servicewelle von Radio München.“ Zeit, um zu unseren Freunden ans Auto zu laufen. Gelegenheit, um deren Versorgung mit der unseren zu vergleichen. Welche Nahrung? Welche Spiele? Wie gemütlich ist die Liegefläche? Es riecht nach dem heißen Zementbeton der Fahrbahn und nach heißen Blechdächern. Herrlich. Uns Kindern ist der Stau scheißegal. Wir leben im Hier und Jetzt. Wir kennen den Zeitplan ohnehin nicht.

Irgendwann ist auch mal Zeit für die große Mittagspause. Gekochte Eier – selbstverständlich. So muss ein Picknick duften. Es gibt Schweinekoteletts, die mein Vater gewürzt hat. Unter der Panade kommt der Paprika (edelsüß) zum Vorschein. Ein Grund weniger, auf die Freunde neidisch zu sein.

Am Nachmittag erreichen wir die richtigen Berge. Das ist die Strecke, auf die ich mich immer am meisten freue. Auf dem Weg zum Brenner müssen zahlreiche Tunnel durchfahren werden. Ich notiere die Länge jedes Tunnels sorgfältig in ein kleines Notizheft. Es ergibt keinen besonderen Sinn, aber es macht Spaß. Ich frage gar nicht erst „wie lange noch?“. Dieser Teil der Reise muss gar nicht schnell vorbeigehen. Und außerdem weiß ich, dass unser Ziel für die Nacht in Südtirol bald erreicht ist, wenn wir den Pass überquert haben.

Wir übernachten im Ochsenwirt in Schabs. Hier duftet es nach Bergwiesen und Rindviechern. Der gemütliche Gasthof riecht nach Gasthof. So wie alle Gasthöfe immer riechen. Nach Schnitzel und Suppe eben. Die Eltern freuen sich nach dem langen Tag aufs Bett. Ich freue mich schon aufs Aufwachen und Weiterfahren.

Weiterfahren heißt allerdings: aus den Bergen raus. Wir lassen Bozen und seine berühmten separaten Waschräume links liegen und müssen nun den mit Abstand quälendsten Teil der Fahrt durchstehen. Nach den spektakulären Aussichten in den Alpen ödet uns nun die Po–Ebene an. Der Name ist irgendwie widersprüchlich. Man würde doch runde Hügel und mindestens eine Schlucht erwarten. Aber man bekommt das Sachsen-Anhalt Italiens. Und ab jetzt zieht sich die Fahrt richtig. Ich will endlich am Hafen sein, aber ich muss noch 500 Kilometer durchhalten.

Und wie hält man als Kind fast 30 Stunden durch, wenn man gerade nicht schläft? Tunnellängen notieren hilft. Autokennzeichen kann man auch systematisch erspähen, besonders die exotischen aus anderen, meist europäischen Ländern. Aber vor allem helfen Hörspiele. Wir haben auf unserer Rückbank/Spielfläche/Aufpralltodeszone einen kleinen Kassettenrekorder und eine Box mit überwiegend selbst überspielten Kassetten. Zu unseren Favoriten gehören „Das Pünkelchen“, „Der kleine Mann“, „Der kleine Wassermann“ und vor allem „Paddington“.

„Sangossa Tusserini Nesserete Regusso2“ – „San – was?“

„Sangossa Tusserini Nesserete Regusso. Das ist ein peruanischer Name.“ – „Er ist sehr schön. Aber wir sollten dir einen einfacheren Namen geben. Was hältst du von Paddington? So heißt dieser Bahnhof hier.“

„Ich soll wie ein Bahnhof heißen??“

Großartig. Jedes mal lustig. Und aus irgendeinem Grund bleibt auch diese Stelle im Gedächtnis:

„Eier, Speck, Brot, Käse, Marmelade, Tee – soll das alles für mich sein?“ – „Wenn es dir nicht passt, nehme ich gleich alles wieder mit.“

„Nein, nein, nein! Das passt mir alles. Ich habe nur noch nie so viel zu einem einzigen Frühstück bekommen.“ Was auch gegen die Langeweile hilft, ist die zunehmende Vorfreude. Der erste Blick auf das Mittelmeer, das verheißungsvoll in der Ferne glitzert. Die abnehmenden Zahlen auf den Wegweisern zur Hafenstadt.

Und dann sind wir am Fährhafen und reihen uns in die bereits beachtliche Schlange wartender Autos ein. Es riecht nach Salzwasser, Diesel, Fisch und Abenteuer. Den Eltern fällt in diesem Moment der erste große Stein vom Herzen. Natürlich haben sie ordentlich Puffer eingeplant, aber man weiß ja nie, was auf so einer langen Strecke alles passiert, und die Fähre zu verpassen, wäre der Supergau gewesen.

Da nun aber bis hierher alles gut und planmäßig verlaufen ist, steht uns noch eine letzte aufreibende Wartezeit bevor. Die Fähre geht erst abends und fährt über Nacht, aber wir stehen hier schon in der Hitze des Nachmittags. Immerhin können wir mit unseren Freunden etwas spielen, und zur Feier der pünktlichen Ankunft gibt es die erste kalte Aranciata.

Wir rollen in der Dämmerung in den Bauch der „Espresso Corinto“, einer Autofähre, die zur Entlastung der Strecke zusätzlich im Einsatz ist. Diese Fähre ist kein typischer Passagierdampfer. Die meisten werden die Nacht an Deck verbringen. Deswegen ist nach dem Abstellen des Autos auch alles perfekt getaktet: die beiden Väter sprinten mit Decken und Luftmatratzen Richtung Deck, während wir Kinder mit den Müttern und dem ganzen Gepäck für die Nacht mit etwas mehr Ruhe nachkommen können. Oben angekommen finden wir bereits unseren „Claim“ vor: eine Fläche, die 8 Personen einen Schlafplatz bietet, ist mit Decken und Luftmatratzen für uns beansprucht. Zuerst werden die Matratzen aufgeblasen. Das sind richtig solide Gummidinger, die beim Pusten einen unvergesslichen Geschmack entfalten. In unseren Schlafsäcken ist es unfassbar gemütlich.

Das Deck füllt sich schnell mit anderen Passagieren – meist Familien und Rucksacktouristen. Der Beginn der Nacht ist noch ziemlich lebhaft. Die Abfahrt wird natürlich gebührend bestaunt, und danach ist noch eine ganze Weile einiges los. Ich höre, wie irgendwo gesungen wird, mit Gitarrenbegleitung. Irgendwann ebbt das alles ab, aber das erleben zumindest wir Kinder nicht mehr in wachem Zustand. Wir liegen unter dem Sternenhimmel und werden vom monotonen Stampfen des Schiffsmotors unfehlbar in den Schlaf gewiegt, die frische Meeresluft in unseren Gesichtern.

Als wir erwachen (oder sanft geweckt werden), ist der Himmel bereits nicht mehr schwarz und sternenübersät. Die Morgendämmerung hat alles in Grau gekleidet. An der Reling stehen bereits andere Passagiere und schauen über das Meer. Und dafür gibt es einen guten Grund. Am Horizont kann man sie sehen: die Insel mit ihren Bergen, Pinienwäldern, Felsen und Buchten. Nicht nur Hell und Dunkel, auch ein Hauch von Violett – wo immer das herkommen mag.

Es riecht nach Meer.

Aber da ist noch ein anderer Duft.

Und es ist dieser Duft, der mich nie wieder verlassen wird, seit ich ihn das erste Mal wahrgenommen habe. Ich kann sie riechen. Die Insel. Die Pflanzen der Macchia geben ihren Duft ab, den der Landwind zu uns aufs Wasser trägt. Es riecht nach Myrte, Rosmarin, Wacholder, Zistrose und Mastix. Die Einheimischen nennen dies „Il profumo della macchia al mattino presto, quando l’isola si sveglia“ – den Duft der Macchia am frühen Morgen, wenn die Insel erwacht.

Für mich bedeutet dieser Duft Hoffnung und Verheißung. Vor uns liegen vier Wochen Traumurlaub, weil die Eltern im Prinzip den Jahresurlaub für diesen Sommer investieren. Für ein Kind ist das eine gefühlte Ewigkeit. Vier Wochen an einem einsamen Strand in Zelten. Nur unsere Freunde und wir. Einschlafen zum Rauschen der Wellen. Aufwachen in der Stille des völlig ruhig liegenden Meeres. Ich denke an die Tintenfische, die in den nächsten Wochen ihr Leben durch meine Hand verlieren werden. Ich denke an das Leben in Fülle, welches vor uns liegt. Dieser Duft wird uns die ganze Zeit begleiten. Er ist ein Vorbote. Der Duft meiner Kindheit. Pures Glück.

Fußnoten

  1. Einmal habe ich versucht, Zyankali herzustellen. Die Zutaten dafür hatte ich tatsächlich. Aber es ist mir ganz offensichtlich nicht gelungen. Der Geruch nach Bittermandel wollte sich einfach nicht einstellen. Danach habe ich mich dann auf weniger komplexe Versuche konzentriert. Und überlebt.

  2. Ich habe keine Ahnung, ob ich das korrekt wiedergebe. Aber so haben wir den Namen immer gehört und uns weggepackt vor Lachen.

Die Lesung

Auf der Bühne habe ich eine gekürzte Fassung gelesen — hier steht der ganze Text.

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